publiziert am 24.08.2012 auf NZZ.ch
Der Kanton Jura hat eine besondere Beziehung zum Alkohol: Delsberg ist einer von zwei Standorten des Profitcenters Alcosuisse, das zur Alkoholverwaltung des Bundes gehört. Nun bemüht sich der Jura auch um den Sitz der Behörde.
Die Totalrevision des Alkoholgesetzes ist noch lange nicht unter Dach und Fach, doch bereits zeichnet sich ein Ringen um den Standort der Nachfolgeorganisation der Eidgenössischen Alkoholverwaltung (EAV) ab. Sowohl Delsberg als auch Bern haben ihr Interesse an der neu zu schaffenden Einheit bekundet. Zurzeit ist die EAV als eigenständige Anstalt des Finanzdepartements in der Bundeshauptstadt angesiedelt. Zur EAV gehört auch das Logistikcenter Alcosuisse, das mit der Umsetzung des Importmonopols auf Ethanol und der Vermarktung von Ethanol in der Schweiz betraut ist. Alcosuisse betreibt zwei Standorte, einen im jurassischen Delsberg und einen im luzernischen Schachen. Der Hauptsitz von Alcosuisse befindet sich in Bern.
Historische Gelegenheit
Mit der Totalrevision des Alkoholgesetzes von 1932, die zurzeit in Gang ist, fallen sämtliche Monopole des Bundes im Bereich Ethanol und Spirituosen. Damit entfällt auch der staatliche Leistungsauftrag von Alcosuisse, die Schweizer Wirtschaft mit Ethanol zu versorgen. Der Bund sucht deshalb nach einem privaten Investor für sein Logistikcenter, das insgesamt 31 Personen beschäftigt – je 9 in Delsberg und Schachen, und 13 in Bern. Die EAV selbst wird mit der Revision verschlankt und verliert ihre juristische Eigenständigkeit. Die künftige Behörde wird mit Inkrafttreten des neuen Alkoholgesetzes der Eidgenössischen Zollverwaltung einverleibt und hauptsächlich mit dem Erheben von Steuern sowie mit dem Vollzug von Handels- und Werbebestimmungen beschäftigt sein. Daneben behält sie gewisse Aufgaben im Bereich der Prävention. Statt wie zurzeit über hundert Personen werden knapp achtzig Angestellte dort arbeiten.
Der Kanton Jura sieht durch diese Umwälzungen die historische Gelegenheit gekommen, endlich eine Einheit des Bundes zu sich zu holen. In einem Brief an die Vorsteherin des Finanzdepartements, Eveline Widmer-Schlumpf, hat sich Delsberg im Frühling als Standort für das neue Alkohol-Büro empfohlen. Der jurassische Vorschlag wirbt damit, dass die Alkoholverwaltung in Delsberg seit 1889 präsent sei; nur zwei Jahre nach der Gründung der EAV wurde hier das erste Alkohollager des Bundes eröffnet, das später zum Profitcenter Alcosuisse wurde. Neben der Verwurzelung der EAV in der Region verweisen die Jurassier auf die bundesrätliche Empfehlung aus dem Jahr 2003, bei der Schaffung von neuen Verwaltungseinheiten dezentrale Standorte zu berücksichtigen. «Jetzt wäre der Moment, den Worten Taten folgen zu lassen», sagt der für das Dossier zuständige Regierungsrat, Charles Juillard. Seit der Gründung des Kantons Jura im Jahr 1979 hat sich Delsberg wiederholt um eine Einheit des Bundes bemüht – bis anhin ohne Erfolg. Unter anderem bewarb sich Delsberg um den Sitz des Instituts für Geistiges Eigentum sowie um denjenigen des Eidgenössischen Gleichstellungsbüros.
Diesmal sind die Jurassier überzeugt, nicht nur föderalistische Argumente auf ihrer Seite zu haben. Der Kanton Jura wacht in Form der vor der Zerstörung bewahrten Brennkessel bereits über das kulturelle Erbe der Alkoholverwaltung (siehe Zusatz). Ein Museum in Pruntrut, in dem die historischen Anlagen zur Schnapsherstellung ausgestellt werden sollen, ist derzeit in Planung. Zudem könnten durch die Präsenz von Alcosuisse in Delsberg gewisse Synergien genutzt werden, erläutert Daniel Rieder, Delegierter des Kantons Jura für Bundesangelegenheiten.
Wie vor kurzem bekanntwurde, steht der Kanton Jura indes in Konkurrenz zur Hauptstadtregion Schweiz, zu der neben Stadt und Kanton Bern auch weitere Kantone sowie unter anderem die Städte Freiburg, Biel, Solothurn und La Chaux-de-Fonds gehören. Als Replik auf den Vorstoss aus Delsberg hat der Verein ebenfalls in einem Schreiben an die Finanzministerin für die Beibehaltung des Status quo geworben – mit Verweis auf die Zentrumsfunktion von Bern, die nicht geschwächt werden solle. «Wir werden wohl nicht applaudieren, wenn uns der Kanton Jura Arbeitsplätze abjagen möchte», sagt der Co-Präsident des Vereins und Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Bern, Andreas Rickenbacher, auf Anfrage.
Folklore genügt nicht
Die Angelegenheit um den künftigen Sitz der neuen Bundesbehörde ist nicht ohne Brisanz, schliesslich hat sich der Kanton Jura vor rund zwanzig Jahren in einem konfliktreichen Prozess aus dem Kanton Bern herausgelöst. Gewisse Animositäten sind noch immer zu beobachten. Wer in der Sache letztlich die Oberhand behalten wird, ist noch nicht abzuschätzen. Im Finanzdepartement wird darauf verwiesen, dass die Revision des Alkoholgesetzes zuerst vom Parlament behandelt werden müsse – zurzeit beschäftigt sich die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerats mit der Vorlage. Die Standortfrage stelle sich noch lange nicht.
Im Kanton Jura ist man indes offensichtlich schon heute besorgt, am Schluss mit (fast) leeren Händen dazustehen. Es gebe schliesslich keine Garantie dafür, dass der künftige Besitzer von Alcosuisse seine Präsenz in Delsberg aufrechterhalte, sagt Daniel Rieder. Würde dereinst auch das Unternehmen wegziehen, bliebe dem Jura letztlich nur ein Museum mit Brennkesseln, die vor allem folkloristischen Wert haben.
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Von der Klandestinität an die Öffentlichkeit
Seit Anfang Juli ist der Kanton Jura im Besitz von rund 166 historischen Brennkesseln zur Schnapsherstellung. Um das illegale Brennen zu unterbinden, kaufte die Eidgenössische Alkoholverwaltung (EAV) bis in die 1990er Jahre im ganzen Land Brennkessel auf und liess diese anschliessend zerstören. Im Alkohollager von Delsberg widersetzten sich allerdings einige Mitarbeiter der Order und bewahrten 166 Objekte heimlich auf. Im Hinblick auf die bevorstehende Privatisierung der Alcosuisse und die Auflösung der EAV hat nun der Bund ebendiese Brennkessel dem Kanton Jura übertragen mit dem Auftrag, die Sammlung zu erschliessen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Geplant ist ein Brennereimuseum in Pruntrut, in dem die schönsten Brennapparate ausgestellt werden. Das Museum informiert überdies über die Tradition der Schnapsbrennerei, die im Jura wie in den übrigen ländlichen Regionen der Schweiz während Jahrzehnten gepflegt wurde. Ein Revival erlebt derzeit ein Schnaps aus der Damassine, einer mit der Pflaume verwandten Frucht.
Seit Anfang Juli ist der Kanton Jura im Besitz von rund 166 historischen Brennkesseln zur Schnapsherstellung. Um das illegale Brennen zu unterbinden, kaufte die Eidgenössische Alkoholverwaltung (EAV) bis in die 1990er Jahre im ganzen Land Brennkessel auf und liess diese anschliessend zerstören. Im Alkohollager von Delsberg widersetzten sich allerdings einige Mitarbeiter der Order und bewahrten 166 Objekte heimlich auf. Im Hinblick auf die bevorstehende Privatisierung der Alcosuisse und die Auflösung der EAV hat nun der Bund ebendiese Brennkessel dem Kanton Jura übertragen mit dem Auftrag, die Sammlung zu erschliessen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Geplant ist ein Brennereimuseum in Pruntrut, in dem die schönsten Brennapparate ausgestellt werden. Das Museum informiert überdies über die Tradition der Schnapsbrennerei, die im Jura wie in den übrigen ländlichen Regionen der Schweiz während Jahrzehnten gepflegt wurde. Ein Revival erlebt derzeit ein Schnaps aus der Damassine, einer mit der Pflaume verwandten Frucht.