publiziert am 07.09.2012 auf NZZ.ch
Jedes Jahr versuchen Vogelkundler, innerhalb von einem Tag so viele Vogelarten zu bestimmen wie möglich. Wenn es regnet und kalt ist, ist dies nicht nur eine ornithologische, sondern auch eine körperliche Herausforderung.
Jetzt einfach im Bett liegen bleiben. Der Handy-Wecker hat geläutet. Es ist 4 Uhr 55. Unter der Decke ist es warm. Draussen ist es kalt. Und es schüttet Bindfäden. Das sind keine guten Voraussetzungen, um Vögel zu bestimmen. Bei diesem Wetter sind Vögel weder besonders sing- noch flugfreudig. Heute aber sollten die Bedingungen zur Vogelbeobachtung ideal sein. Denn die vier Amateur-Ornithologen, die sich am Samstag, 1. September, in einem Schlafsaal des Berggasthauses auf dem Gurnigel aus den Betten schälen, wollen einen neuen Rekord aufstellen: Innerhalb von 24 Stunden sollen mehr als 132 Vogelarten bestimmt werden. Diese Anzahl hatten die vier am letztjährigen «Bird Race» erreicht und damit den alten Rekord egalisiert. Nun peilen sie ein neues Bestresultat an.
Jahrelange Übung
Die Spielregeln des Vogelrennens, das der Schweizer Vogelschutz seit 1990 jährlich organisiert, sind einfach: Während eines Tages sind in der Schweiz so viele Vogelarten zu bestimmen wie möglich. Mindestens drei Mitglieder eines Teams müssen die Art sehend oder hörend bestimmt haben, damit sie gezählt werden darf. Zur Fortbewegung sind nur öffentliche Verkehrsmittel, Velos und die eigenen Füsse erlaubt. Schiedsrichter gibt es keine; nicht schummeln ist Ehrensache. Dieses Jahr machen 28 Teams mit, darunter ehrgeizige wie dasjenige auf dem Gurnigel, aber auch solche, die einfach einen Tag in der Natur verbringen wollen. Hinzu kommt der gute Zweck: Je mehr Vogelarten gezählt werden, desto mehr Spenden fliessen dem Vogelschutz zu, der das Geld dem Programm «Artenförderung Vögel Schweiz» gutschreibt.
Noch verbleiben dem Team auf dem Gurnigel 16 Stunden, um den Rekord zu brechen. Der Startschuss zum Rennen fiel am Vorabend um 21 Uhr – bereits bei miserablem Wetter. Auf der Terrasse des Berggasthauses lauschten die Ornithologen in die Dunkelheit hinein. Hier stünden die Chancen gut, den Sperlingskauz zu hören. Doch alles, was zu hören war, war das unablässige Prasseln des Regens. Kein Ruf eines Kauzes. Kein Ruf einer Eule. Gar nichts.
Daher ist die Laune der vier Freunde am Morgen danach nicht die beste. Teamchef Adrian Jordi, ein Sekundarlehrer aus Wabern, der regelmässig Reisen für Vogelkundler im Ausland leitet und Präsident eines Klubs für Vogelbeobachtung ist, hat die Route genau geplant. Dass sein Team auf dem Gurnigel startet, ist kein Zufall. Nicht nur lebt hier der Sperlingskauz, zu dieser Jahreszeit ziehen auch viele Zugvogelarten auf ihrem Weg nach Süden über den Gurnigel. Doch wenn die Wolkendecke so tief liegt wie jetzt, bleiben die Vögel am Boden – ganz zum Ärger von Peter Lustenberger, dem Experten für ziehende Greifvögel. Lustenberger ist der Einzige im Team, dem das Privileg zukommt, Vögel während der Arbeit beobachten zu können: Der Gärtner pflegt den Berner Rosengarten.
Am wenigsten scheint die Aussicht auf einen nasskalten Tag Christoph Haag auszumachen, einem Biologen, der an der Universität Freiburg die Evolution von Wasserflöhen erforscht. Haag verfügt allerdings auch über die beste Regenjacke des Teams und war als einziger so schlau, Gummistiefel einzupacken. Haag ist der Fachmann für Vogelstimmen. Wo der Normalsterbliche alltägliches Rauschen vernimmt, hört er jedes Zwitschern heraus. Auch der vierte Teilnehmer ist sattelfest in Vogelkunde: Urs Elsenberger, Steuerinspektor aus dem Kanton Solothurn und Präsident des Ornithologischen Vereins Olten, arbeitete einige Jahre an der Vogelwarte in Sempach.
Die vier Männer im Alter zwischen Ende dreissig und Ende vierzig verbindet die Begeisterung für das Beobachten von Vögeln, Birdwatching genannt, einer weltweit boomenden Freizeitbeschäftigung. Den «Birders» geht es nicht in erster Linie um wissenschaftliche Erkenntnisse. Neben der Liebe für die Natur begeistert sie die Herausforderung, die diversen Vogelarten zu bestimmen. Um in freier Wildbahn die über 400 Vogelarten zu bestimmen, die in der Schweiz bisher nachgewiesen wurden, braucht es jahrelange Übung. Nicht nur muss man wissen, wie die Vögel aussehen und wie sie singen und rufen. Man muss auch über genaue Kenntnisse ihres Lebensraums und ihres Verhaltens verfügen. Nur dann lässt sich gezielt nach ihnen suchen.
Um möglichst viele Arten zu finden, durchkämmt das Team verschiedene Lebensräume. Die Rennstrecke der vier Ornithologen verläuft vom Gurnigel (Lebensraum Berg und Wald) hinunter über Blumenstein nach Thun (Siedlungen) und von dort per Zug ins Grosse Moos (Kulturland) sowie an den Neuenburgersee (Gewässer). Zudem gilt es, entscheidende Differenzen zur Konkurrenz zu schaffen. Die vier Männer müssen Arten suchen, die schwierig aufzustöbern sind. Bei diesen ist die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie nicht von allen anderen Teams erwischt werden.
Der Bergpieper etwa bevorzugt mit Felsblöcken und Steinen durchsetzte Weiden, die oberhalb von 1800 Metern liegen. Also muss man dorthin. Die Ornithologen fahren in der Dunkelheit vom Gurnigel mit den Velos weg in Richtung Gantrisch, die Feldstecher um den Hals gehängt. Wo es zu steil wird, stellen sie die Räder an einem Stacheldrahtzaun ab und wandern durch Kuhweiden hoch. Es dämmert. Am Boden liegt stellenweise Schnee. Die Vögel sind stumm. Kuhglocken bimmeln. Ein Schneeschauer trommelt auf die Regenjacken. Da, um 6 Uhr 45, singt der Bergpieper. Alle im Team haben ihn gehört. Die erste Art ist bestimmt. Noch kommen auf dem Gurnigel einige Vogelarten hinzu, wie der Zitronengirlitz oder die Heckenbraunelle. Doch zufrieden sind die Männer nicht. Bei günstigerem Wetter wäre die Ausbeute besser gewesen.
In rasantem Tempo geht es einen steilen Feldweg hinab ins Tal in Richtung Thun, mitten durch den Wald, der vom steten Regen in allen Schattierungen von Grün glänzt. Der Weg ist stellenweise so aufgeweicht, dass die Velos getragen werden müssen. Immer wieder unterbrechen die Männer ihre Fahrt, um Ausschau zu halten und zu lauschen. Wenn der Grünspecht ruft, meint man, er lache einen aus. Und wenn der kleine Zaunkönig seine Stimme erhebt, ist man von der Lautstärke überrascht. Der Sperlingskauz aber ist weiterhin wie vom Erdboden verschluckt. Selbst auf das «Pishen», das Nachahmen seines Rufs, reagiert er nicht.
Im Mekka der Ornithologen
Wer am Bird Race viele Arten bestimmen will, muss ins Schweizer Mekka der Ornithologen kommen: in die Region des Grossen Mooses, des Fanel, des Chablais de Cudrefin und des Naturschutzzentrums La Sauge. Etliche Teams beschliessen in diesem Gebiet das Rennen. Die Stative mit den angeschraubten Fernrohren geschultert, fahren sie mit dem Velo das artenreiche Grosse Moos ab. Die vielfältig strukturierte Kulturlandschaft mit offenen Flächen, Wäldchen und Hecken ist in den letzten Jahren mit Biotopen aufgewertet worden. Selten gewordene Arten wie Turteltauben, Grosse Brachvögel und Kiebitze sind hier anzutreffen. Und endlich kommt auch der Greifvogelkenner Lustenberger auf seine Rechnung: Dutzende von Wespenbussarden sowie ein Fischadler kreisen über den Feldern.
Das Rennen läuft jetzt ideal. Jordis Team weiss, wo es suchen muss, und bestimmt mit traumwandlerischer Sicherheit eine Art nach der anderen. In der Abenddämmerung nehmen die Männer auf einem Damm, der in den Neuenburgersee hinausführt und von dem aus man das mit Schilf bewachsene Ufer sowie Inseln beobachten kann, Möwen, Enten und Watvögel durch Feldstecher und Fernrohre ins Visier. In wenigen Metern Entfernung lässt sich das meist schwer zu entdeckende Kleine Sumpfhuhn blicken. Und auf einem Pfosten weit draussen im See putzt sich die selten anzutreffende Schwarzkopfmöwe.
Wo ist die Schleiereule?
Noch aber fehlt die Schleiereule. In einer Scheune im Grossen Moos ist sie regelmässig anzutreffen. Es eilt. Mit dem Velo fährt das Team vom Damm los. Die Dämmerung ist in Finsternis übergegangen. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos blenden. Wo der Weg von der Strasse in Richtung Scheune abzweigt, rufen zwei Waldohreulen. Die Scheune steht offen und verlassen in der Nacht. Haag zückt die Taschenlampe. Der grelle Lichtstrahl fährt in die Höhe und huscht über die Balken. Drinnen ist nichts zu finden. Es ist 20 Uhr 55. Die Männer rennen zur Südseite der Scheune, an der Büsche emporranken. Haag zündet hinauf zum Giebel. Nichts, nur Kotspuren, keine Schleiereule. Es ist 21 Uhr.
Das Team hat den neuen Rekord verpasst. Doch für den Sieg am Bird Race hat es gereicht. 130 Arten konnten Jordi, Elsenberger, Haag und Lustenberger bestimmen, eine mehr als die Zweitplacierten. Gut möglich, dass der Bergpieper für den Sieg sorgte. Dafür stehen Ornithologen gerne früh auf. An einem bitterkalten und regnerischen Samstagmorgen.