publiziert am 10.09.2012 auf TagesAnzeiger.ch
Die Fluggesellschaft Swiss verzeichnete 2011 massiv mehr Zwischenfälle
mit aggressiven Passagieren. «Am schlimmsten sind Vielflieger, die
meinen, für sie gelten die Regeln nicht», sagt eine Flight-Attendant.
Der Swiss-Flug LX 196 nach Peking musste letzte Woche über Moskau umkehren, weil sich zwei Passagiere prügelten. Der Maître de Cabine versuchte, den Streit der beiden alkoholisierten Chinesen zu schlichten. Einer von ihnen wurde von der Crew gefesselt, auf beide wartete nach der Landung in Zürich die Polizei (TA vom 4. 9. 2012). Der Fall ist krass, aber nicht atypisch: Im Jahr 2011 kamen bei der Swiss 449 Rapporte wegen regelwidrigen Passagierverhaltens während eines Fluges zusammen, satte 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. «Wir setzen ganz klar auf eine Früherkennung», sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Konkret heisst das: Auffällige Personen werden schon vom Bodenpersonal herausgefiltert, etwa beim Check-in.
In der Rapport-Statistik liegen Alkoholfälle mit grossem Abstand an der Spitze, gefolgt von Rauchen und Verbalattacken gegen Flugbegleiter. Letztere erklärt Valérie Hauswirth, Präsidentin der Gewerkschaft des Kabinenpersonals Kapers, so: «Viele Passagiere laufen auf Hochtouren, wenn sie an Bord kommen, sei es, weil sie bei der Sicherheitskontrolle eine Whiskey-Flasche abgeben mussten oder weil der Zubringerflug zeitlich sehr knapp war und sie hetzen mussten.»
Streit wegen Hündchen
Probleme mit Rauchern gebe es vor allem auf Flügen an bestimmte Destinationen wie die Türkei oder China, wo eine andere Rauchkultur herrsche, sagt Swiss-Flugbegleiterin D. Relativ häufig sei auch Zwist wegen Tieren. Kleine Hunde und Katzen dürften zwar in einer Tasche unter dem Sitz mitreisen. «Oft nehmen Herrchen und Frauchen das Tier aber während des Fluges aus der Tasche und legen es auf den Schoss – nicht immer zur Freude der Sitznachbarn», erzählt die Flight Attendant, die seit über 20 Jahren im Geschäft ist.
Renitente Passagiere, die sich trotz mehrmaliger Aufforderung nicht an Weisungen der Crew halten, müssen einen Rapport unterschreiben. Damit bestätigen sie, dass sie über die Konsequenzen eines erneuten Fehlverhaltens informiert sind: Sie würden am Zielflughafen von der Polizei abgeholt. «Am unangenehmsten ist das in England, den USA oder Kanada, wo die strengsten Strafen drohen», sagt D.
Begrüssung mit Hintergedanken
Damit es nicht so weit kommt, nimmt die Crew die Passagiere schon beim Einsteigen genau unter die Lupe. Die freundliche Begrüssung im Flugzeug ist keineswegs nur ein Akt des Willkommenheissens, sondern hat einen handfesten Hintergrund: «Die Flight Attendants haben die wichtige Aufgabe, zu schauen, wie die Passagiere drauf sind», sagt Swiss-Sprecherin Myriam Ziesack. Tritt einer aggressiv auf, wirkt jemand gestresst?
«Hat einer eine Alkoholfahne, wird er vom Maître de Cabine darauf hingewiesen, dass er auf diesem Flug keinen Alkohol mehr bekommt», erzählt Flugbegleiterin D. «Falls sich der Passagier nicht daran halten will, wird er in Absprache mit dem Kapitän zum Aussteigen aufgefordert.» Dies kann auch Fluggästen blühen, die sich flegelhaft benehmen oder einen verwirrten Eindruck machen. «Wir versuchen, möglichst alle Probleme am Abflugort zurückzulassen», sagt D.
«Sind Sie meine Lehrerin?»
Hauptproblem für das Kabinenpersonal sind in letzter Zeit elektronische Geräte wie Smartphones, Laptops, iPads oder MP3-Player, die von ihren Besitzern nicht ausgeschaltet werden. «Ein Dauerbrenner» sei das, sagt Kapers-Präsidentin Hauswirth. Die Swiss habe deshalb die Kabinenansage geändert und weise neuerdings noch deutlicher darauf hin, dass für Start und Landung alle Geräte ausgeschaltet werden müssten, nicht nur Smartphones. «Viele Passagiere sind mit ihren Geräten aber so eng verbunden, dass sie mit Surfen, Mailen und Spielen kaum aufhören können», stellt Hauswirth fest.
«Am schlimmsten sind Vielflieger, die meinen, für sie gelten die Regeln nicht», ärgert sich Flight Attendant D. «Kürzlich fragte mich ein Passagier sogar, ob ich seine Lehrerin sei.» Vielen Kolleginnen und Kollegen sei es denn auch zu blöd, mit hartnäckigen Smartphone-Nutzern über das Ausschalten ihres Geräts zu diskutieren: «Sie beharren nicht darauf», sagt D. Dass es selten zu einem offenen Konflikt kommt, dürfte der Grund dafür sein, weshalb das Handyabschalten in der Statistik keinen Spitzenplatz belegt. Dennoch ist klar: Wer sich wiederholt weigert, sein Gerät auszuschalten, riskiert, von Bord zu fliegen.
Swiss hält an Handyverbot fest
Erschwerend kommt für die Swiss-Flugbegleiter hinzu, dass andere Airlines ihren Passagieren inzwischen ermöglichen, nach Erreichen der Reiseflughöhe im Internet zu surfen und sogar mit dem Handy zu telefonieren. «Wer daran gewöhnt ist, versteht oft nicht, dass er sein Handy bei uns ausserhalb von Start und Landung nur im Flugmodus benützen darf», sagt Valérie Hauswirth von Kapers. Im Flugmodus ist keine Kommunikation möglich, das Handy kann aber etwa zum Musikhören genutzt werden. Trotz Reklamationen will die Swiss an ihren Regeln festhalten. Umfragen hätten gezeigt, dass die Passagiere mehrheitlich gegen eine freie Handynutzung im Flugzeug seien, weil sie um ihre Ruhe fürchteten, sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Die Airline spart so auch Umrüstungskosten, denn für mobiles Telefonieren und Surfen bräuchte es eine zusätzliche Antenne im Flugzeug, welche die Gerätesignale empfängt und via Satellit zur Erde schickt.
Ohne solche Antenne versuchen Smartphones mit maximaler Sendeleistung eine Verbindung zur nächsten Basisstation aufzubauen, was empfindliche Bordinstrumente stören könnte. Wie viele eingeschaltete Geräte es dafür braucht, ist unklar. Sicher ist aber, dass eingeschaltete Smartphones in Flugzeugen trotz Verbot an der Tagesordnung sind: Aus Untersuchungen weiss man, dass etwa 10 Prozent der Passagiere vergessen, ihr Handy auszuschalten.
In der Rapport-Statistik liegen Alkoholfälle mit grossem Abstand an der Spitze, gefolgt von Rauchen und Verbalattacken gegen Flugbegleiter. Letztere erklärt Valérie Hauswirth, Präsidentin der Gewerkschaft des Kabinenpersonals Kapers, so: «Viele Passagiere laufen auf Hochtouren, wenn sie an Bord kommen, sei es, weil sie bei der Sicherheitskontrolle eine Whiskey-Flasche abgeben mussten oder weil der Zubringerflug zeitlich sehr knapp war und sie hetzen mussten.»
Streit wegen Hündchen
Probleme mit Rauchern gebe es vor allem auf Flügen an bestimmte Destinationen wie die Türkei oder China, wo eine andere Rauchkultur herrsche, sagt Swiss-Flugbegleiterin D. Relativ häufig sei auch Zwist wegen Tieren. Kleine Hunde und Katzen dürften zwar in einer Tasche unter dem Sitz mitreisen. «Oft nehmen Herrchen und Frauchen das Tier aber während des Fluges aus der Tasche und legen es auf den Schoss – nicht immer zur Freude der Sitznachbarn», erzählt die Flight Attendant, die seit über 20 Jahren im Geschäft ist.
Renitente Passagiere, die sich trotz mehrmaliger Aufforderung nicht an Weisungen der Crew halten, müssen einen Rapport unterschreiben. Damit bestätigen sie, dass sie über die Konsequenzen eines erneuten Fehlverhaltens informiert sind: Sie würden am Zielflughafen von der Polizei abgeholt. «Am unangenehmsten ist das in England, den USA oder Kanada, wo die strengsten Strafen drohen», sagt D.
Begrüssung mit Hintergedanken
Damit es nicht so weit kommt, nimmt die Crew die Passagiere schon beim Einsteigen genau unter die Lupe. Die freundliche Begrüssung im Flugzeug ist keineswegs nur ein Akt des Willkommenheissens, sondern hat einen handfesten Hintergrund: «Die Flight Attendants haben die wichtige Aufgabe, zu schauen, wie die Passagiere drauf sind», sagt Swiss-Sprecherin Myriam Ziesack. Tritt einer aggressiv auf, wirkt jemand gestresst?
«Hat einer eine Alkoholfahne, wird er vom Maître de Cabine darauf hingewiesen, dass er auf diesem Flug keinen Alkohol mehr bekommt», erzählt Flugbegleiterin D. «Falls sich der Passagier nicht daran halten will, wird er in Absprache mit dem Kapitän zum Aussteigen aufgefordert.» Dies kann auch Fluggästen blühen, die sich flegelhaft benehmen oder einen verwirrten Eindruck machen. «Wir versuchen, möglichst alle Probleme am Abflugort zurückzulassen», sagt D.
«Sind Sie meine Lehrerin?»
Hauptproblem für das Kabinenpersonal sind in letzter Zeit elektronische Geräte wie Smartphones, Laptops, iPads oder MP3-Player, die von ihren Besitzern nicht ausgeschaltet werden. «Ein Dauerbrenner» sei das, sagt Kapers-Präsidentin Hauswirth. Die Swiss habe deshalb die Kabinenansage geändert und weise neuerdings noch deutlicher darauf hin, dass für Start und Landung alle Geräte ausgeschaltet werden müssten, nicht nur Smartphones. «Viele Passagiere sind mit ihren Geräten aber so eng verbunden, dass sie mit Surfen, Mailen und Spielen kaum aufhören können», stellt Hauswirth fest.
«Am schlimmsten sind Vielflieger, die meinen, für sie gelten die Regeln nicht», ärgert sich Flight Attendant D. «Kürzlich fragte mich ein Passagier sogar, ob ich seine Lehrerin sei.» Vielen Kolleginnen und Kollegen sei es denn auch zu blöd, mit hartnäckigen Smartphone-Nutzern über das Ausschalten ihres Geräts zu diskutieren: «Sie beharren nicht darauf», sagt D. Dass es selten zu einem offenen Konflikt kommt, dürfte der Grund dafür sein, weshalb das Handyabschalten in der Statistik keinen Spitzenplatz belegt. Dennoch ist klar: Wer sich wiederholt weigert, sein Gerät auszuschalten, riskiert, von Bord zu fliegen.
Swiss hält an Handyverbot fest
Erschwerend kommt für die Swiss-Flugbegleiter hinzu, dass andere Airlines ihren Passagieren inzwischen ermöglichen, nach Erreichen der Reiseflughöhe im Internet zu surfen und sogar mit dem Handy zu telefonieren. «Wer daran gewöhnt ist, versteht oft nicht, dass er sein Handy bei uns ausserhalb von Start und Landung nur im Flugmodus benützen darf», sagt Valérie Hauswirth von Kapers. Im Flugmodus ist keine Kommunikation möglich, das Handy kann aber etwa zum Musikhören genutzt werden. Trotz Reklamationen will die Swiss an ihren Regeln festhalten. Umfragen hätten gezeigt, dass die Passagiere mehrheitlich gegen eine freie Handynutzung im Flugzeug seien, weil sie um ihre Ruhe fürchteten, sagt Sprecherin Myriam Ziesack. Die Airline spart so auch Umrüstungskosten, denn für mobiles Telefonieren und Surfen bräuchte es eine zusätzliche Antenne im Flugzeug, welche die Gerätesignale empfängt und via Satellit zur Erde schickt.
Ohne solche Antenne versuchen Smartphones mit maximaler Sendeleistung eine Verbindung zur nächsten Basisstation aufzubauen, was empfindliche Bordinstrumente stören könnte. Wie viele eingeschaltete Geräte es dafür braucht, ist unklar. Sicher ist aber, dass eingeschaltete Smartphones in Flugzeugen trotz Verbot an der Tagesordnung sind: Aus Untersuchungen weiss man, dass etwa 10 Prozent der Passagiere vergessen, ihr Handy auszuschalten.