Im Tessiner Ort Bissone geht es drunter und drüber. Gemeindepräsident Ludwig Grosa sitzt in U-Haft und hat abgedankt. Die Geschäftsführung der Gemeinde wird von der Staatsanwaltschaft geprüft.
Das Namensschild an der Tür zum Büro hängt noch: Sindaco Ludwig Grosa. Doch seit über einer Woche kann der 45-Jährige das Gemeindehaus von Bissone nicht mehr betreten. Denn Grosa sitzt im Untersuchungsgefängnis Farera bei Lugano. Mindestens fünf Wochen muss er dort in Einzelhaft schmoren.
Die von der Staatsanwaltschaft publizierte Liste der Vorwürfe ist lang und eindrücklich: Erpressung, Verleumdung, falsche Anschuldigungen, Zwang, Amtsmissbrauch, passive Bestechung und ungetreue Amtsführung. Die Vorwürfe stehen in Zusammenhang mit der Überbauung einer Liegenschaft. Grosa soll für die wohlwollende Behandlung der Baugesuche durch die Gemeinde mehrere Hunderttausend Franken gefordert haben. Er selbst bestreitet dies. Von seinem Amt als Sindaco ist er jedoch zurückgetreten.
Es ist das abrupte Ende einer politischen Karriere, die vor knapp zehn Jahren begann und einigen Staub im Südkanton aufwirbelte. Grosa, ein smarter und stets perfekt gekleideter Dandy-Typ, war 2003 in seinen Heimatkanton zurückgekehrt, nachdem er über Jahre im Auftrag der Uhrenindustrie um die Welt getingelt war. Womit der Absolvent einer Handelsschule im Tessin seinen Lebensunterhalt verdiente, war jedoch nicht mal den Bewohnern von Bissone klar, wo er Wohnsitz genommen hatte.
«Bulgarische Verhältnisse»
Bekannt wurde Grosa durch seinen militanten Kampf gegen die Lärmschutzwände entlang der A2. Die parallel zur Bahnlinie verlaufende Autobahn trennt seit ihrem Bau 1966 den am Luganersee gelegenen alten Dorfkern von der neuen Villensiedlung am Hang und schneidet den Ort in zwei Teile. Statt der inzwischen fertiggestellten, gigantischen Lärmschutzverbauungen wollte Grosa eine Überdachung der Verkehrsschneise erreichen, um die Nahtstelle zu schliessen. Auf dem Dach sollten Rasenflächen und Einfamilienhäuser entstehen.
Nur: Der Entscheid war längst gefallen. Ausschreibungen und Auftragsvergaben für die Lärmschutzwände konnten nicht annulliert werden. Daher fand Grosa bei den etablierten Parteien kein Gehör. Doch bei der Bevölkerung der 800-Seelen-Gemeinde stiess sein unkonventioneller Einsatz auf viel Sympathie, zumal der nette Mann auch gerne alten Damen eigenhändig beim Überqueren der Strasse half. Um seiner Forderung nach einem Trottoir entlang der Kantonsstrasse Nachdruck zu verleihen, blockierte er schon mal das Auto von Staatsrätin Laura Sadis. Und im Zusammenhang mit einem Streit mit dem Bundesamt für Strassen machte er auf sich aufmerksam, als er sich an ein Gitter fesselte.
2004 hatte Grosa die Partei Nuova Bissone gegründet und wurde auf Anhieb in die Exekutive gewählt. 2008 folgte die Wahl zum Gemeindepräsidenten und im April dieses Jahrs eine blendende Bestätigung. Seine Partei erreichte die absolute Mehrheit im kleinen und grossen Gemeinderat. Seither sprach man von «bulgarischen Verhältnissen». Der Siegeszug von Nuova Bissone ging in erster Linie zulasten der FDP, die über Jahrzehnte das Sagen hatte.
Unkonventionell oder illegal?
Doch in den letzten Monaten verdichteten sich die Anzeichen, dass der Stil von Nuova Bissone in jeder Hinsicht unkonventionell ist, womöglich sogar illegal. Rechnungen der Gemeinde sollen schwarz und ohne Abrechnung der AHV bezahlt worden sein; Überweisungen gingen an dubiose Firmen. Die Renovation des öffentlichen Schwimmbads ist ein Kapitel für sich: Die Buchführung ist offenbar haarsträubend, die bezahlten Preise überrissen. Das Dossier wird nun vom Gemeindeinspektorat auf administrative Mängel und von der Staatsanwaltschaft auf allfällige Straftaten untersucht. In dieser Affäre hat die Staatsanwaltschaft mittlerweile auch eine Ermittlung gegen den Gemeindeschreiber Bissones bestätigt. Er steht unter dem Verdacht der ungetreuen Amtsführung und des Amtsmissbrauchs.
Angesichts dieser Entwicklungen wundert es nicht, dass letzte Woche in der ersten Gemeinderatssitzung nach der Verhaftung Grosas die Wogen hochgingen. Im schmucken Geburtsort des Barockbaumeisters Francesco Borromini (1599–1667), dessen Konterfei die alte Hundert-Franken-Note zierte, ist die Stimmung mehr als gereizt. «Nur ein Rücktritt der Vertreter von Nuova Bissone im Municipio kann diese Situation noch retten», sagte ein SP-Vertreter unter dem Beifall des Publikums. Doch der Beifall spiegelt nur eine Seite. Die Bevölkerung von Bissone ist tief gespalten. «Das Ganze ist eine Inszenierung, um den Sindaco auszuschalten», sagt eine Zeitungsverkäuferin. Damit liegt sie ganz auf der Linie von Lega-Boss Giuliano Bignasca, der behauptet, die Staatsanwaltschaft agiere in dieser Sache politisch. Grosa hatte aus seiner Nähe zur Lega nie einen Hehl gemacht und – erfolglos – für den Grossen Rat kandidiert.
Glühende Anhänger
Wenig beeindrucken von den Rücktrittsforderungen lässt sich Vize-Bürgermeisterin Daniela Marazzi Fontana, eine glühende Anhängerin des inhaftierten Grosa. «Nicht im Traum denke ich an einen Rücktritt», sagte sie. Sie haben einen Auftrag von ihren Wählerinnen und Wählern. Einigen ihrer Parteikollegen in der Legislative ist offenbar mulmiger zumute. Sie lehnten die Rechnung 2011 ab.
Die Gegner von Nuova Bissone werden kaum umhinkommen, Unterschriften zu sammeln, um Neuwahlen durchzuführen. Dies ist frühestens ein Jahr nach den ordentlichen Wahlen nötig, das heisst ab dem 1. April 2013. Es sei denn, der Tessiner Staatsrat kommt der Forderung der SP nach, die Gemeinde kommissarisch verwalten zu lassen. Doch dies wäre ein heikles Unterfangen, wie Gemeindeinspektor Elio Genazzi sagt: «Das jetzige Municipio wurde demokratisch gewählt.» Eine kommissarische Verwaltung käme wohl erst in Betracht, wenn die Staatsanwaltschaft strafrechtlich relevante Vergehen festgestellt habe. Dem gespaltenen Dorf am Luganersee stehen weiterhin unruhige Zeiten bevor.