Hunde statt Kinder

publiziert am 29.10.2012 auf TagesAnzeiger.ch

Hierzulande gibt es mindestens so viele Hunde wie Kinder unter sieben Jahren. Die Zahl der Kinder sinkt, jene der Hunde steigt. Wird der Vierbeiner immer öfter zum Kinderersatz?

Am häufigsten heissen sie Rocky und Luna und sie werden immer mehr: Hunde in der Schweiz. Seit die Registrierungspflicht eingeführt wurde, ist die Zahl der Hunde stetig gestiegen: von gut 500'000 auf über 525'000 im vergangenen Jahr. Zwar sind die Zahlen mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen. Teilweise dürfte es sich immer noch um Nachregistrierungen von älteren Tieren handeln. Zudem wurden vor allem zu Beginn nicht alle Hunde in der Tierdatenbank Anis gestrichen, wenn sie gestorben sind. Der Rückgang von 2011 gegenüber dem Vorjahr dürfte denn auch nicht auf einen effektiven Rückgang zurückzuführen sein, sondern auf eine bessere Erfassung von verstorbenen Tieren. Aber unter dem Strich resultiert trotz dieser Einschränkungen ein Trend zu mehr Hunden.

Im Tessin gibt es gar mehr Hunde als Kleinkinder, wie die Sonntagszeitung «Il Caffè» kürzlich vermeldete. Laut dem kantonalen statistischen Amt ist die Zahl der 0- bis 6-Jährigen im Südkanton zwischen 2005 und 2010 von 21'270 auf 20'984 gesunken; diejenige der Hunde hat im gleichen Zeitraum von 19'500 auf 25'000 zugenommen. Gesamtschweizerisch haben die kleinen Zweibeiner statistisch noch den Vorrang vor den Vierbeinern: Den 526'000 registrierten Hunden standen 2011 rund 553'000 Kinder unter sieben Jahren gegenüber. Zieht man allerdings Expertenschätzungen in Betracht, wonach zehn Prozent der Hunde nicht registriert sind, dürften Rocky, Luna und Co. die Kleinkinder auch national überflügelt haben.

Lateiner lieben Hunde

Mit 77 registrierten Hunden pro 1000 Einwohner nimmt das Tessin einen Spitzenrang ein. Nur gerade fünf Kantone weisen eine höhere Dichte aus, darunter mit Jura (116), Waadt (86) und Freiburg (78) drei Welsche. Überhaupt befinden sich mit Ausnahme von Appenzell Ausserrhoden und Solothurn nur lateinische Kantone an der Spitze dieser Rangliste. Mit 68 Hunden auf 1000 Einwohner liegt Bern im Mittelfeld, mit einem Wert von 42 belegt Zürich den vierthintersten Platz. Ein Blick auf die Nachbarländer bestätigt, dass die Lateiner eine besondere Vorliebe für Hunde zu haben scheinen: In Frankreich und Italien liegt der Anteil der Haushalte mit mindestens einem Hund deutlich höher als in Deutschland und Österreich.

Die Zunahme von Hunden ist umso bemerkenswerter, als die Hürden für den Erwerb und die Haltung deutlich höher geworden sind. Einerseits haben Hunde ein Imageproblem, seit vermehrt über Kampfhundeattacken und ähnliche Vorfälle berichtet wird. Anderseits haben die meisten Kantone Hundehalterkurse und Bewilligungspflichten für gewisse Rassen eingeführt. «Die Schwelle für den Erwerb eines Haustiers ist gering, ausser bei den Hunden», bilanziert Eva Waiblinger vom Schweizer Tierschutz. Schwieriger geworden sei es insbesondere, grosse Hunde zu halten.

Vom Wach- zum Schosshund

Ein Blick auf die Registrierungsdatenbank Anis zeigt: Es gibt einen «eindeutigen Trend zu kleinen Hunden», wie es im Jahresbericht 2011 heisst. Im Durchschnitt aller Kantone hätten die kleinen Hunde bei den Registrierungen gegenüber dem Vorjahr um drei Prozent zugenommen. Bereits in neun Kantonen machten diese über die Hälfte der neu gemeldeten Tiere aus (BS, GE, JU, NE, SH, TI, VD, VS, ZH). Aus der Praxis der Tierheime weiss Eva Waiblinger: «Kleine, weisse Hunde gehen am schnellsten weg.» Sie führt dies auch darauf zurück, dass «kleine, helle Hunde den Menschen weniger Angst einflössen als grosse schwarze».

Der Trend zu kleinen Hunden hänge auch mit dem Funktionswandel des Hundes zum Schosstier zusammen, sagt Waiblinger eine Entwicklung, die seit 40 Jahren im Gang sei. Und die sich nun auch «in eher ländlichen Gebieten» durchsetzt, wie Anis im Jahresbericht schreibt. Die höchste Zuwachsrate an kleinen Hunden verzeichneten Glarus, Obwalden und Schwyz. Das heisst im Klartext: Auch auf dem Land löst der Schosshund den Wachhund ab. Die Nachfrage nach Wachhunden sei «deutlich zurückgegangen», sagte Fabio Giussani, Präsident eines kynologischen Vereins im Südtessin in «Il Caffè».

Eine Art Ersatzfunktion

«Kleine Hunde sind handlich und lassen sich in der Wohnung halten», sagt Waiblinger. Nehmen sie dort zunehmend den Platz der Kinder ein, fragt sich mit Blick auf die eingangs erwähnten Zahlen. Der Hund als Kinderersatz sei eher die Ausnahme, meint die Expertin des Tierschutzes. Gleicher Ansicht ist Dennis C. Turner, der berühmte amerikanische Biologe und Tierverhaltensforscher, der seit langem in der Schweiz lebt. Es sei «nicht zutreffend, dass Heimtiere Kinderersatz sind, wie es oft heisst», sagte er früher in der Zeitschrift «Folio». Statistiken zeigten, dass der «weitaus grösste Teil der Heimtiere in Familien mit Kindern lebt».

Auf Nachfrage präzisiert er heute: «Es gab immer Leute, für die ein Heimtier ein Kinderersatz war, doch lebten und leben immer noch die Mehrheit der Hunde und Katzen in Familien mit Kindern und sind deshalb gesamthaft gesehen kein Kinderersatz.»

Allerdings haben die Familien hierzulande immer weniger Kinder, wie die Statistiker seit längerer Zeit belegen. Wenn sie gleichzeitig immer mehr Hunde – und andere Haustiere – haben, dürfte diesen halt trotzdem eine Ersatzfunktion zukommen. Indem sie nicht das Kind an sich ersetzen, sondern vielleicht dessen Brüderchen oder Schwesterchen.