Die Lemming-Probleme der VBZ

publiziert am 09.01.2013 auf TagesAnzeiger.ch

Zürcher Trampassagiere legen ein Herdenverhalten an den Tag, das vor allem zu Stosszeiten problematisch ist – und einen Chauffeur zu einer aussergewöhnlichen Durchsage verleitete.

Wer am Montagabend am Zürcher Stauffacher das Tram der Linie 9 bestiegen hat, bekam eine ungewöhnliche Durchsage zu hören. «Ich möchte allen gratulieren, die bemerkt haben, dass dieses Tram mehrere Türen hat und dass man auch hinten einsteigen kann», liess der Chauffeur verlauten.

Tatsächlich drängten sich an jenem Abend – wie fast täglich zu Stosszeiten – unzählige Passagiere vor dem vordersten Eingang, während die Türen im hinteren Bereich des Fahrzeuges offen und frei standen – und sich dort notabene auch sehr viel mehr unbesetzte Plätze befanden. Doch weshalb diese Durchsage? War der Chauffeur schlicht genervt? Oder wollen die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) die Pendler damit disziplinieren?

Den Anschluss nicht verpassen

Nichts davon sei der Fall, versichert VBZ-Sprecher Andreas Uhl. «Der Tramchauffeur wollte damit nur sagen, dass er den Passagieren genügend Zeit gibt, um auch andere Fahrzeugtüren zu nutzen», betont er auf Anfrage.

Zwar stellen die VBZ keine Messungen oder wissenschaftliche Untersuchungen der Pendlerströme an. Doch die Erfahrung zeigt gemäss Uhl, dass die Passagiere beim Umsteigen oftmals befürchten, das Anschlusstram zu verpassen. «Dann nehmen sie die erstbeste Türe, die sie vom Tram zu Gesicht bekommen – mit dem Effekt, dass so der Zugang blockiert und das Umsteigeverfahren verzögert wird: Solange die Türen nicht geschlossen werden können, ist eine Weiterfahrt unmöglich.»

Der Weg aussenrum lohnt sich

Dieses Herdenverhalten hat ärgerliche Auswirkungen auf den Betrieb der öffentlichen Verkehrsmittel. «Wir haben in unseren Fahrplänen zwar genügend Zeit fürs Umsteigen eingerechnet. Dieses Phänomen hat aber zur Folge, dass die Trams länger als nötig an einer Haltestelle stehen bleiben müssen und sich so verspäten.» Wer also rasch nach Hause kommen will, sollte beim Umsteigen den längeren Weg ausserhalb des Trams wählen. Es lohnt sich in jeder Hinsicht.