Gebetsruf aus dem Bundeshaus

publiziert am 13.09.2012 auf NZZ.ch

Eine überkonfessionelle Gruppe von Parlamentariern will den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag wieder beleben. 94 National- und 19 Ständeräte unterstützen einen Gebetsaufruf an die Schweizer Bevölkerung.

Am kommenden Sonntag sollen die Menschen in der Schweiz «danken, für Stabilität und Wohlstand unseres Landes auch in einer schwierigen Zeit». Sie sollen «beten, dass Gott den Menschen in unserem Land beisteht und sie segnet». Und sie sollen «Busse tun über unser persönliches und kollektives Fehlverhalten». Das sind drei Kernsätze aus einem schriftlichen Aufruf, den fast das halbe Parlament unterzeichnet hat.

Auslöser für die ungewöhnliche Aktion ist der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag, der am 16. September stattfindet. Der Feiertag wird seit 180 Jahren immer am dritten September-Sonntag gefeiert (vgl. untenstehenden Artikel). Er hat ausserhalb der Kirchen aber nur noch eine marginale Bedeutung.

Mit dem Aufruf solle nun «das Danken, Busse-Tun und Beten wieder vermehrt ins Zentrum gerückt werden», schreibt eine Gruppe von sechs Parlamentariern, die den Aufruf verantwortet. Zu ihr gehören die Nationalratsmitglieder Marianne Streiff (evp.), Erich von Siebenthal (svp.), Eric Nussbaumer und Jacques-André Maire (beide sp.), Jakob Büchler (cvp.) sowie Ständerat Hans Hess (fdp.). Es gehe ihnen darum, «die Bedeutung des Bettages in Erinnerung zu rufen und dem christlichen Glauben in unserem Land Präsenz zu geben». Koordinator der Aktion ist Beat Christen, der seit 20 Jahren in der Wandelhalle als «Bundeshausbeter» präsent ist.

Einen ersten derartigen Aufruf haben vor einem Jahr 89 Parlamentarier unterschrieben; er wurde aber kaum öffentlich registriert. 2012 machen nun 94 National- und 19 Ständeräte aus allen Parteien und Konfessionen mit: Katholiken, Reformierte wie auch Mitglieder von Freikirchen. Das zeige, dass dieses Thema Politiker über alle Parteigrenzen hinweg verbinde, sagt der Berner SVP-Nationalrat Erich von Siebenthal. Der Aufruf solle zudem eine «Ermutigung» für das Volk sein: Er zeige, dass es auch im Bundeshaus viele gebe, denen Gebet und Busse wichtig seien.

Ziel des Aufrufs sei eine Rückbesinnung auf christliche Werte, sagen mehrere der Initianten. Zwar habe sich die Gesellschaft religiös stark verändert, sagt der St. Galler CVP-Nationalrat Jakob Büchler. In einer Zeit, in der sich andere Religionen zunehmend etablierten, dürfe aber «auch der christliche Glaube in der öffentlichen Diskussion wieder vermehrt Platz haben», sagt Büchler, der auch die parlamentarische Gruppe Christ und Politik präsidiert.

Über einzelne Formulierungen des Aufrufs könne man wohl geteilter Meinung sein, sagt der Baselbieter SP-Nationalrat Eric Nussbaumer. Als von der Regierung installierter «Nachdenktag» habe es der Bettag aber auch heute noch verdient, gefeiert zu werden. Denn er rufe in Erinnerung, «dass eine absolute Wirklichkeit in meine menschliche Wirklichkeit hineinspielt – man kann das Gott nennen».

Für SVP-Nationalrat von Siebenthal ist der Bettag vor allem eine Erinnerung daran, «dass es nicht selbstverständlich ist, dass es uns in der Schweiz so gut geht». Diesen Aspekt betont auch die Zürcher FDP-Nationalrätin und Mitunterzeichnerin Doris Fiala. Persönlich bete sie nie für politischen oder beruflichen Erfolg. Vielmehr sei das Gebet für sie Ausdruck von Demut und Dankbarkeit. «Wenn man sieht, wie dramatisch die Situation im Ausland ist, kann man als Schweizer Parlamentarierin nur dankbar und demütig sein.»